Warum Du keine Schlaftabletten bei Einschlafproblemen nutzen solltest
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Warum Du keine Schlaftabletten bei Einschlafproblemen nutzen solltest

Autor: Lars Reimann Datum: Nov 24, 2022

Viele Deutsche nehmen bei Schlafstörungen Schlafmittel. Es gibt diverse Studien, die zeigen, dass Millionen Menschen in Deutschland Jahr für Jahr zu Schlaftabletten greifen. Forschungsinstitute gehen von fast 6% der Bevölkerung aus. In den USA sollen es sogar bis zu 25% sein. Gerade im Alter nimmt die Einnahme nochmal zu. Dabei bergen Schlaftabletten diverse Risiken für Dich und Deine Gesundheit.


Was beinhalten eigentlich Schlaftabletten?

Die am häufigsten verwendeten Substanzen, die in Schlafmitteln zum Einsatz kommen, stammen aus der Stoffgruppe der Benzodiazepine. Entdeckt wurden sie um 1960 und werden trotz laufender Forschung im Grunde heute noch ähnlich angewandt wie damals.

Benzodiazepine haben folgende Wirkung:

  • Sie lindern Deine Ängste
  • Deine Muskeln entspannen sich
  • Krämpfe werden gelöst und verhindert
  • Aggressionen werden gelindert
  • Es wirkt sedativ, machen Dich also müde


Dabei kann die Wirkdauer je nach verwendetem Benzodiazepin stark variieren. Je nachdem wie schnell der Stoff von Deinem Körper wieder abgebaut wird, hält die Wirkung nur wenige Stunden bis zu über einem Tag an.

In den 1990ern sind auch noch weitere Wirkstoffe hinzugekommen, die nicht der Gruppe der Benzodiazepine entsprechen, aber dieselbe Wirkung auf Deinen Körper haben: die sogenannten “Z-Substanzen”. Zu Ihnen zählen Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon.

Diese wirken nicht so lange wie Benzodiazepine. Und auch die angstlösende Eigenschaft fehlt diesen Medikamenten. Als Vorteil wird ihnen dafür zugutegehalten, dass sie weniger stark abhängig machen.


Abhängigkeit durch Schlaftabletten

Halt, abhängig? Ja, richtig gelesen. Das wohl größte Argument gegen Schlafmittel ist die Tatsache, dass sie abhängig machen! Es wird geschätzt, dass ca. 1,5 Millionen Deutsche abhängig von Schlafmitteln sind. Und diese Zahl steigt jedes Jahr.

Dein Körper gewöhnt sich extrem schnell an die Eigenschaften der Schlaftabletten und die natürlich dafür vorgesehenen Stoffwechselfunktionen reichen irgendwann nicht mehr aus, um noch ein- und durchschlafen zu können.

Die Folge ist eine immer häufigere Einnahme und zunehmend höhere Dosen. Nach dem Absetzen der Schlaftabletten kannst Du die erste Zeit nicht mehr gut einschlafen und bist tagsüber müde. Dein Körper hat sich an das Medikament gewöhnt und muss erst wieder lernen, ohne dieses ausreichend Botenstoffe loszusenden. Daher verfallen viele Menschen direkt nach dem Absetzen dem Irrglauben, dass ihre Schlafprobleme wieder zurückgekehrt sind und greifen wieder zum Schlafmittel.

Hinzu kommt, dass die Einnahme von Schlafmitteln immer im Stillen – also “hinter zugezogenen Gardinen” geschieht. Es findet beim Konsum also kaum ein Dialog mit der Gesellschaft statt. Dies macht es viel leichter, die regelmäßige Einnahme zu rechtfertigen.

Das fehlende “Feedback” macht Dich also sehr viel schneller von Schlaftabletten abhängig als es zum Beispiel bei Alkohol der Fall ist. Das ist der Hauptgrund, weswegen der Konsum von Schlaftabletten gefährlich schnell in die Abhängigkeit führen kann.


Häufige Nebenwirkungen

Arten von Schlaftabletten

Schlaftabletten können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden, je nach ihren Wirkmechanismen und chemischen Strukturen. Benzodiazepine sind eine Klasse von Medikamenten, die häufig zur Behandlung von Schlafstörungen und Angstzuständen verschrieben werden. Beispiele für Benzodiazepine sind Diazepam, Lorazepam und Temazepam. Sie wirken, indem sie die Aktivität von GABA, einem Neurotransmitter, der für seine beruhigenden Eigenschaften bekannt ist, erhöhen.

Eine weitere Klasse von Schlaftabletten sind die sogenannten Z-Drugs (z.B. Zolpidem, Zopiclon und Eszopiclon). Sie haben eine ähnliche Wirkung wie Benzodiazepine, indem sie die GABA-Rezeptoren im Gehirn beeinflussen, aber chemisch sind sie von Benzodiazepinen verschieden.

Antihistaminika, wie Diphenhydramin und Doxylamin, sind ebenfalls als Schlafmittel verwendet, obwohl sie ursprünglich zur Behandlung von Allergien entwickelt wurden. Sie wirken, indem sie die Histamin-Rezeptoren im Gehirn blockieren, was zu Schläfrigkeit führt.

 

Mögliche Nebenwirkungen der verschiedenen Arten

Die Verwendung von Schlaftabletten kann eine Reihe von Nebenwirkungen verursachen, die je nach Art des Medikaments und der individuellen Reaktion des Patienten variieren. Eine der Hauptnebenwirkungen ist die Entwicklung einer Abhängigkeit, bei der der Körper nach wiederholter Einnahme des Medikaments eine Toleranz entwickelt und immer höhere Dosen benötigt, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Dies kann zu einem Teufelskreis führen, bei dem die Person immer stärker auf das Medikament angewiesen ist, um einzuschlafen.

Eine weitere Nebenwirkung ist die kognitive Beeinträchtigung, die sich in Form von Gedächtnisproblemen, Konzentrationsstörungen und verlangsamtem Denken äußern kann. Schlaftabletten können auch das Reaktionsvermögen und die Koordination beeinträchtigen, was das Risiko von Stürzen und Unfällen erhöht, insbesondere bei älteren Menschen.

Zusätzlich zu diesen Nebenwirkungen können Schlaftabletten auch kurzfristige Nebenwirkungen wie Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Mundtrockenheit, nächtliches Erwachen und Schlafwandeln verursachen.

 

Risiken einer Langzeitanwendung

Die Langzeitanwendung von Schlaftabletten kann mit einer Reihe von gesundheitlichen Risiken verbunden sein. Eines der Hauptprobleme ist die erhöhte Gefahr von Stürzen und Unfällen, insbesondere bei älteren Menschen, die aufgrund von kognitiven Beeinträchtigungen und vermindertem Reaktionsvermögen stärker gefährdet sind. Dies kann zu Knochenbrüchen, Verletzungen und in schweren Fällen sogar zum Tod führen.

Eine weitere Langzeitfolge der Schlaftabletteneinnahme ist die Verschlechterung von Depressionen oder Angstzuständen. Einige Studien haben gezeigt, dass die langfristige Anwendung von Schlaftabletten, insbesondere von Benzodiazepinen, mit einer erhöhten Inzidenz von Depressionen in Verbindung gebracht wird. Dies könnte auf die Tatsache zurückzuführen sein, dass Schlaftabletten die zugrunde liegenden Ursachen von Schlafstörungen nicht direkt angehen und somit die psychischen Probleme, die den Schlafstörungen zugrunde liegen, nicht lösen.

Langzeitanwendung von Schlaftabletten kann auch das Risiko von Atemproblemen während des Schlafs erhöhen, insbesondere bei Personen mit bestehenden Atemwegserkrankungen wie Asthma oder Schlafapnoe. Dies kann zu einer Verringerung der Schlafqualität führen und das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.

Schließlich können Schlaftabletten bei längerer Anwendung zu einer Verschlechterung der Schlafqualität führen, da sie den natürlichen Schlafzyklus stören und die Tiefschlafphasen verkürzen können. Dies kann dazu führen, dass der Patient trotz ausreichender Schlafstunden nicht erholt aufwacht und im Laufe des Tages unter Müdigkeit und Leistungseinbußen leidet.

 

Beeinflussung Deiner Schlaf-Phasen

Schlaftabletten beeinflussen Deine Schlafphasen. Üblicherweise durchläufst Du während einer Nacht wiederholt mehrere Phasen des Schlafs: die Einschlafphase, den leichten Schlaf, den Tiefschlaf und die R.E.M.-Phase (Rapid Eye Movement). In der Tiefschlafphase erholst Du Dich am meisten und während des REM-Schlafs träumst Du.

Mit der Einnahme von Schlaftabletten wird Dein REM-Schlaf unterdrückt. In Deinen Träumen verarbeitest Du normalerweise die Dinge, die Dich beschäftigen. Das ist wichtig für Dein psychisches Gleichgewicht. Die Unterdrückung und Unterbrechung dieser Schlafphase wirkt sich also direkt auf Deine Stimmung aus und kann sogar bis hin zur Depression führen.

Während Du schläfst, regenerieren sich Körper und Geist. Neue Immunzellen werden gebildet, es findet eine Entgiftung statt, Du verarbeitest das Erlebte. Hormone werden produziert. Das Durcheinanderbringen Deines Schlafrhythmus wirkt sich also langfristig auch auf Deine Gesundheit aus. Es kann bereits mittelfristig zu erheblichen Stoffwechselstörungen kommen.


Tod durch Überdosis?

Vielleicht ist das Erste, an das Du bei Schlaftabletten denken musst: “Eine Überdosis führt zum Tod.” Ganz falsch ist das nicht.

Die von uns angesprochenen Schlafmittel (Benzodiazepine und Z-Substanzen) können Dich – sofern Du sie in normalen Dosen verwendest und die Packungsbeilage beachtest – jedoch in der Regel nicht umbringen. Dazu müsstest Du sie schon wie eine Packung Schokolinsen in großer Anzahl verputzen. Davon raten wir Dir natürlich ab. Die früher verwendeten Barbiturate waren in dieser Hinsicht wesentlich gefährlicher. Daher wurden sie auch fast vollständig von den modernen Schlaftabletten abgelöst und sind kaum noch am Markt zu finden. Generell ist noch zu sagen, dass alle hier angesprochenen Schlafmittel rezeptpflichtig sind.


Schlafmittel sind nie die Lösung

Ein nicht zu vernachlässigender Faktor, warum Du Schlaftabletten meiden solltest, ist auch, dass Schlafmittel nie die eigentliche Ursache heilen, die Deine Schlafstörungen verursacht. Schlafprobleme finden Ihren Ursprung nämlich sehr häufig in gesundheitlichen oder psychischen Ursachen. Wie immer ist es auch hier sehr viel wichtiger, die Ursache zu behandeln statt nur die Symptome.

Wir hoffen natürlich, dass Du keine Probleme damit hast, abends einzuschlafen. Und wenn doch, dann mach bitte einen weiten Bogen um Schlafmittel. Sie tun Dir auf die Dauer nicht gut!

In diesem Sinne,
Schlaf gut!

 

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